Familie und Beruf – Das Unglücks-Modell 

2017-08-30T21:00:44+00:00

… warum das Modell „Vater Vollzeit, Mutter Teilzeit“ 95 % beruflich ambitionierter Frauen ins Unglück stürzt

… und was du stattdessen tun solltest.

Das Alleinverdiener-Modell, bei dem der Mann allein für das Familieneinkommen verantwortlich ist, während sich Frau um Haushalt und Kinder kümmert, ist in Deutschland inzwischen abgelöst durch das Hinzuverdiener-Modell, in dem der Mann Vollzeit arbeitet, während die Frau ihm zu Hause den Rücken frei hält und in Teilzeit mit oft unter 20 Wochenstunden zum Familieneinkommen beiträgt.

Ca. 60% der Mütter sind heute berufstätig. Ca. 75% der berufstätigen Mütter mit Partner arbeiten laut Angaben des statistischen Bundesamts in Teilzeit. Darunter sind auch viele gut ausgebildete Akademikerinnen, die vor Geburt des Kindes verantwortungsvolle Positionen innehatten.

Die Idee hinter dem Hinzuverdiener-Modell ist klar. Zwei Vollzeitjobs scheinen zu viel. Dass der Mann weiterhin in Vollzeit arbeitet, wird häufig nicht in Frage gestellt. Die Frau, die dem Kind durch die Geburt von Natur aus näher ist, behält mit dem Teilzeitjob beruflich einen Fuß in der Tür und hat noch ausreichend Zeit für Kind und Haushalt. Außerdem harmoniert eine Teilzeittätigkeit mit den Bring- und Abholzeiten von Kita und Kindergarten.

Berufstätige Mütter mit einer Teilzeitbeschäftigung fühlen sich laut diversen Umfragen aber oft unglücklicher und gestresster als Mütter, die Vollzeit oder vollzeitnah arbeiten.

Während das Burn-Out Syndrom früher eine Manager Krankheit war, sind heute immer mehr berufstätige Mütter davon betroffen.

Bei genauerer Betrachtung, ist das gar nicht verwunderlich.

  1. Mehrfachbelastung

Während der Mann meist bereits kurz nach der Geburt des Kindes weiterhin seinem Beruf in Vollzeit nachgeht, sind die Anforderungen an die Frau als berufstätige Mutter in Teilzeit gestiegen.

Denn neben dem Job ist sie plötzlich auch alleine verantwortlich für einen Familienhaushalt und die Kinder. Einkaufen, Wäsche machen, kochen, aufräumen, sauber machen, Arzttermine wahrnehmen, Kindergeburtstage organisieren, Kuchen backen, Geschenke kaufen, und vieles mehr. Die Liste lässt sich unendlich fortsetzen. Alle berufstätigen Mütter können ein Lied davon singen.

Der Beitrag der Väter in diesen Bereichen ist meist sehr überschaubar. Sie fühlen sich mit der Aufgabe des Hauptverdieners meist ausreichend ausgelastet und haben häufig den  Anspruch, nach der Arbeit entspannen zu können.

Für berufstätige Mütter dagegen hat der Arbeitstag meist 24 Stunden, ständiger Bereitschaftsdienst für die Kinder inklusive. Denn insbesondere kleine Kinder fordern häufig auch nachts Fürsorge und Aufmerksamkeit.

Berufstätige Mütter funktionieren oft lange Zeit, ignorieren ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen und merken zu spät, dass ein Familienhaushalt, Kinderbetreuung und die Berufstätigkeit (wenn auch in reduzierter Form) zu viel des Guten sind.

  1. Halbes Gehalt – gleiche Arbeit

Die auf den ersten Blick einfache Formel: „Teilzeit = halbe Arbeit und halber Zeitaufwand“ geht leider häufig nicht auf.

Das fängt schon damit  an, dass Fahrtwege und Fahrtzeiten zur Arbeit gleich bleiben, unabhängig davon, ob die Arbeitszeit drei, fünf oder zehn Stunden pro Tag beträgt.

Auch werden Dienstreisen, Meetings und Teamveranstaltungen häufig auch von Teilzeitkräften erwartet.

Und in unserer digitalen Zeit, in der auch von Arbeitnehmern häufig ständige Erreichbarkeit erwartet wird, arbeiten auch Teilzeitkräfte häufig neben den bezahlten Arbeitszeiten zusätzlich von zu Hause.

  1. Gesunkene berufliche Anerkennung

Die im Jahr 2015 im Auftrage des  Bundesfamilienministeriums durchgeführte Allensbach Studie zeigt, dass vor der Geburt des ersten Kindes bei 71 Prozent der Paare beide Partner in Vollzeit erwerbstätig waren, während dies nach der Geburt lediglich für 15 Prozent gilt.

Auch viele Frauen mit guter Ausbildung, die vor der Geburt eifrig an ihren Karrieren gebastelt und verantwortungsvolle Position erreicht haben, reduzieren ihre Arbeitszeit nach Geburt des Kindes erheblich und stellen berufliche Ambitionen zum Wohle der Familie und des Kindes zurück.

Glücklich sind sie damit häufig nicht. Während sie früher große berufliche Anerkennung erhalten haben, sind sie plötzlich nur noch Arbeitnehmer zweiter Klasse und werden nicht mehr als vollwertiges Mitglied im Team wahrgenommen.

Ihre stark reduzierte Erwerbstätigkeit wird häufig als Hobby belächelt. Sprüche wie „Dein Leben hätte ich gerne. Ich will auch mal um 14 Uhr nach Hause gehen“ sind keine Seltenheit.

  1. Geringeres Tätigkeitsniveau

Neben der geringeren Anerkennung kommt ein weiterer Punkt hinzu.

Zwar hat grundsätzlich jeder Beschäftigte einen Anspruch auf Teilzeit. Wenn die Personalabteilung oder der Chef aber meint, Teilzeit sei bei der Position nicht möglich, bleibt der Anspruch auf Teilzeit häufig nur graue Theorie.

Denn von vielen Jobs wird gesagt, sie seien nicht geeignet für eine Tätigkeit in Teilzeit. Dies gilt insbesondere für Jobs in gehobenen Positionen mit viel Verantwortung.

Frauen lassen sich deshalb häufig darauf ein, in Teilzeit eine Tätigkeit auszuüben, die ihren Qualifikationen und ihrer vorherigen Aufgabe bei Weitem nicht mehr entspricht. Häufig tauschen berufstätige Mütter nach der Geburt ihres Kindes einen  Vollzeitjob mit viel Verantwortung in einen Teilzeitjob mit Zuarbeits- und Assistenzaufgaben. Gehalt und Aufstiegsmöglichkeiten sind entsprechend geringer. Viele Frauen fühlen sich unterfordert, gelangweilt und unzufrieden mit den neuen Aufgaben.

  1. Die Teilzeitfalle

Dem gesetzlichen Anspruch auf Teilzeitarbeit steht kein Anspruch auf Erhöhung der Stundenzahl oder Recht auf Vollzeit gegenüber. So wird aus der oft geplanten vorübergehenden Teilzeittätigkeit häufig unfreiwillig eine dauerhafte Teilzeittätigkeit. Viele der teilzeitbeschäftigten Mütter geben in Umfragen an, dass sie gerne mehr arbeiten würden, aber nicht mehr aus der Teilzeitfalle herauskommen.

  1. Neues Rollenverständnis in der Partnerschaft

Viele berufstätige Mütter mit stark reduzierten Arbeitszeiten, haben vor der Geburt ein gleichberechtigtes Rollenverständnis mit ihrem Partner gelebt, in dem beide gleichermaßen für Familieneinkommen und Haushalt verantwortlich waren.

Mit der Reduzierung der beruflichen Arbeitszeiten ändert sich in der Regel auch das Rollenverständnis in der Partnerschaft und bringt das ehemals harmonische Beziehungsgefüge durcheinander.

Der Mann als Hauptverdiener erwartet, dass Frau sich nunmehr alleine um Haushalt und Kinder kümmert. Schließlich sichert er ja durch seinen Vollzeitjob das Familieneinkommen, während Frau „nur“ Teilzeit arbeitet. Da sich das Familieneinkommen reduziert, während gleichzeitig die Kosten mit Kindern steigen, verzichten viele Familien mit Kindern sogar auf die Unterstützung durch eine Putzfrau, die sie sich vor Geburt der Kinder geleistet haben.

  1. Finanzielle Abhängigkeit

Neben der plötzlichen alleinigen Verantwortung für Haushalt und Kinder macht vielen berufstätigen Müttern auch die finanzielle Abhängigkeit vom Partner zu schaffen.

Waren sie vor der Geburt mit ihrem Einkommen finanziell unabhängig, ist ihr Einkommen mit einer Teilzeittätigkeit plötzlich nur noch ein netter Zuverdienst, von dem sie im Zweifel nicht allein leben könnten.

Und so sind Mütter häufig im Hinzuverdiener-Modell ebenso von ihrem Partner finanziell abhängig wie es frühere Generationen von Frauen im Alleinverdiener-Modell waren. Allein dieses Gefühl macht häufig unzufrieden.

  1. Armutsrisiko im Scheidungsfall

Wenn die Partnerschaft in die Krise gerät, wird vielen Frauen plötzlich auch die weitere Dimension ihrer Teilzeittätigkeit bewusst.

Nach dem im Jahr 2008 geänderten Unterhaltsrecht müssen Ex-Eheleute nach einer Scheidung wieder weitgehend für sich selbst sorgen, wenn das jüngste Kind drei Jahre alt geworden ist und in einer Kita, Kindergarten oder als Schulkind in einem Hort betreut werden kann.

In einigen Urteilen haben Gerichte (auch der Bundesgerichtshof) klargemacht, dass geschiedenen Müttern auch ein Vollzeitjob zuzumuten ist, wenn es entsprechende Kinderbetreuungsmöglichkeiten gibt. Nach der Scheidung haben Frauen deshalb häufig keinen Anspruch mehr auf nachehelichen Unterhalt.

Mit dem Wissen, dass jede dritte Ehe heute geschieden wird und eine Rückkehr zu einer Vollzeitstelle häufig schwierig ist, ist das keine schöne Vorstellung.

  1. Einbußen im Rentenanspruch

Ein durch Teilzeitbeschäftigung gesunkenes Einkommen reduziert auch den Rentenanspruch.

Wer seine Arbeitszeit und damit sein Einkommen halbiert, halbiert auch die Höhe der Rentenbeiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung und damit auch die Entgeltpunkte auf dem Rentenkonto.

Im Einzelfall hängt die Rentenhöhe der gesetzlichen Rente von vielen unterschiedlichen Faktoren ab, so dass ich hier keine konkreten Werte nennen kann. Fakt ist aber: geringeres Einkommen = geringerer gesetzlicher Rentenanspruch.

Wer nicht in der gesetzlichen Rente versichert ist, sondern in ein berufsständisches Versorgungswerk Beiträge zahlt, kann Einbußen im Rentenanspruch grundsätzlich durch die freiwillige Zahlung hoher Beiträge verhindern. Allerdings machen viele Frauen von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch, weil die hohen Rentenbeiträge ihr Einkommen komplett aufbrauchen oder sogar übersteigen würden.

Insgesamt ziehen Frauen bei dem heute weit verbreiteten Hinzuverdiener-Modell leider häufig den Kürzeren.  

Ich will nicht sagen, dass das Modell nicht auch funktionieren kann.

Ich warne aber davor, unüberlegt und als Automatismus dieses Modell zu leben, weil es alle anderen tun.

 

Jeder Mensch, jede Partnerschaft, jede finanzielle Situation, jedes Kind, jeder Beruf sind anders. Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden. Es gibt kein Modell, das für alle funktioniert.

 

Wichtig ist, dass du mit deinem Partner und deinen Kindern ein Lebensmodell findet und lebt, das für euch funktioniert. Für euch alle. Auch für dich!!!

 

 

  • Setze dich mit deinem Partner möglichst frühzeitig zusammen, macht gemeinsam eine Liste aller Umstände, Wünsche und Bedürfnisse, die für eure Entscheidung wichtig sind.

 

  • Mach dir klar, dass sowohl du als auch dein Partner wahrscheinlich blockierende Glaubenssätze habt in Bezug auf Kindererziehung, Rollenverteilung, Karriere, die bei der Diskussion eine große Rolle spielen werden.

 

  • Sei geduldig, höre zu und zeig in der Diskussion Verständnis für die Ansichten deines Partners.

 

  • ABER: Gib deine Wünsche in der Diskussion nicht kampflos auf. Zugeständnisse sollten von beiden Seiten kommen. Das Ziel: eine Lösung zu finden, die für euch beide passt.

 

  • Sei dir bewusst, dass es das perfekte Modell nicht gibt. Jedes Modell hat seine Vorteile und Herausforderungen.

 

  • Trefft gemeinsam eine bewusste Entscheidung wie ihr leben und arbeiten wollt. Wenn nötig: holt euch Unterstützung.

 

  • Bleibt im Gespräch und stets bereit euer Lebensmodell geänderten Bedürfnissen und Situationen anzupassen.

 

  • Lebt euer Modell selbstbewusst.

 

  • Lass andere reden. Mach dir klar, dass ihre Kritik und Sticheleien meist aus eigener Unsicherheit resultieren.

 

  • Mit gelebtem Selbstbewusstsein werden Kritiker schnell verstummen und ihr stärkt das Selbstverständnis und Selbstvertrauen eurer Kinder.

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